ISBN: 978 - 3 -00 -056102 - 3

Preis 15.00 €

 Heinz Körner: 0561 493001

Beethovenstraße 3, 34121 Kassel


Eine Beamtenlaufbahn im 20. Jahrhundert am Beispiel Willi Seidels,

51 Jahre im Dienste für die Bürger der Stadt.


Alle Jahre wieder beschäftigen wir uns mit der Zerstörung der Stadt am Tag der vernichteten Bombenangriffe Kassels am 22. und 23. Oktober 1943 und werden unausweichlich mit dem Oberbürgermeister des Wiederaufbaus, Willi Seidel, konfrontiert.


Wer war nun der Mann, der am 7. April 1945 von der amerikanischen Besatzungsmacht den Auftrag bekam, den Wiederaufbau der Stadt in die Wege zu leiten?


Willi Seidel war schon 59 Jahre und in den letzten Monaten an einer Lungenentzündung erkrankt von der er sich gerade erholt hatte.


Er wurde 1885 in Kassel geboren, seine Eltern führten ein Schreibwarengeschäft mit kleiner Druckerei und sorgten für eine gute Ausbildung.

1902: Beendigung der Schulausbildung mit der Obersekundareife.

1903: Einstellung bei der Stadt Kassel, 1906 bestand er die Mittelbeamtenrüfung und 1912 die Ergänzungsprüfung mit gut und wurde am 1. April 1918 zum Stadtsekretär ernannt. Danach begann sein Aufstieg bis am 1.Okt.1927 zum Stadtverwaltungsdirektor.


1920-1923 gehörte er dem Orden Odd Fellowas an, ein philantropischer weltlicher Orden an der zur Freundschaft, Liebe und Wahrheit seine Mitglieder verpflichtete sowie zu humanen und toleranten Denken und Handeln.



Von 1925 -1926 Mitglied der Deutschen-Volks-Partei und wurde Stadtverordneter.

Während seiner Dienstzeit lernte er fünf Oberbürgermeister kennen,

Müller 1900 bis 1912, Höhepunkt die Eingemeindungen 1906

Müllers Dienstantritt fällt in eine besonders dynamische Phase der Kasseler Stadtentwicklung. Gerade war das "Dorf" Wehlheiden mit 12 000 Einwohnern nach Kassel eingemeindet worden (1899). Eine große Herausforderung, die auf das neue Stadtoberhaupt zukam, war die Vorbereitung der Eingemeindung der Vororte Wahlershausen, Kirchditmold, Rothenditmold und Bettenhausen. Bald zeigte sich, dass eine von Müllers Stärken in der Führung von Verhandlungen lag. Die durchaus schwierigen Verhandlungen über die Eingemeindungsverträge brachte er zu einem erfolgreichen Abschluss, so dass die Eingliederung der Ortschaften im Jahre 1906 reibungslos vor sich ging. 18 000 Umlandbewohner wurden damit zu Bürgern der Stadt Kassel. ,


Scholz organisierte die Tausendjahrfeier 1912 bis 1913 und

Koch organisierte die Ernährungslage im Ersten Weltkrieg und beauftragte ihn 1918 die Sitzungen des Arbeiter- und Soldatenrates zu protokollieren und darauf zu achten, dass das Verwaltungsrecht beachtet wird.


In der Weimarer Republik machte er die Erfahrungen des wachsenden rechten Blocks, des Kapp Putsches und der vielen politischen Morde, der Hyperinflation 1923. Er lernte auch Oberbürgermeister Scheidemann (1920-1925) kennen, der ihm zurechtwies, weil er in einer rechten Zeitung ein Kommentar abgegeben hatte.Bürgermeister Brunner klärte die Angelegenheit, weil auch ein Beamter sich frei äußern könne. Bei späteren Treffen war das kein Thema mehr.


Während seiner Zeit als Stadtverordneter konnte er auch Freisler und Weinrich erleben und auch Bürgermeister Lahmeyer (7. Juli 1889 in Kassel , gest.20. April 1968 in Dortmund, der 1933 Oberbürgermeister wurde und Stadtler ablöste, der nicht der NSDAP beitreten wollte, was allerdings Lahmeyer tat.

Was prägte Willi Seidel bis 1933?

Da war zuerst die Beauftragung Erich Kochs, die Sitzungen des Arbeiter- und Soldatenrates zu protokollisen. Eine neue Erfahrung für ihn.


Die politschen Morde von rechts und links, Kapp-Putsch und die Hyperinflation sowie das Anwachsen der NSDAP und des Völkischen Blocks und die Annäherung der anderen nationalen Parteien an das Programm der NSDAP und zuletzt die Massenarbeitslosigkeit während der Weltwirtschaftskrise und die Unfähigkeit der Parteien mit der Krise fertig zu werden und lieber die Präsidialregierungen mit Brünig, Papen und Schleicher ( 2. Dez. 1932) zu akzeptieren, so dass für Seidel klar war, dass Hitler bald an die Macht kommen würde.


Die Unterstützung erhielt er vom rechten nationalen Bock, der Block (der nationalen Bünde und Organisationen) gegen die Weimarer Republik und Verfassung. Hugenbergs DNVP und Ufa Chef , 1927 Kauf der Ufa Presse, 1894 Vors..des Alldeutschen Verbandes (1891Allg. Deutschen Verband) an der Spitze mit Carl Peters und Hugenberg. 1933 Minister für Wirtschaft, Landwirtschaft und Ernährung.


Die Zeitungen Hugenbergs entfalteten ihre Wirkung in der Weltwirtschaftskrise.


Die Kampftruppen gegen die Republik

11.Oktober 1931 Bildung der „Harzburger Front“ (NSDAP, DNVP, Stahlhelm und „Vaterländische Verbände“.

Für die Republik und Verteidigung der Verfassung:

  1. 12.1931 Bildung der „Eisernen Front“ (Reichsbanner Schwarz Rot Gold, Gewerkschaften , SPD, Arbeitersportverbände.


Ziel der rechten Parteien und Organisationen

:Die Gegenrevolution stärken, die sich seit 1919 vornahm, die zur Beseitigung der Republik zu erreichen. Letztlich ihre Chance darin sah, Kanzler Müller 1930 zu stürzen, der nicht die Renten und Sozialversicherungen kürzen wollte.


5.März 1933 schloss sich die DNVP mit dem Frontsoldatenbund Stahlhelm zur Kampffront Schwarz-Weiß-Rot zusammen.


Die Erfahrungen während der Zeit der nationalsozialistischen Zeit im Rathaus


Machtübernahme Januar 1933: SA prügelt unliebsame Beamte aus dem Rathaus auf Anordnung Freislers. Seidel stand auch auf der Liste. Er entkam mit Hilfe des Leiteres des städtischen Untersuchungsamtes, Dr. Paulmann, Mitglied der Deutsch-Völkischen – Partei,)

Lahmeyer bestätigte ihm, dass er auch weiter unter Beobachtung stand und es auch versucht wurde, etwas nachteiliges zu finden, aber nicht fündig wurde. Er ging davon aus, dass Lahmeyer seine schützende Hand über ihn hielt. Er brauche ihn, damit die Anweisungen aus Berlin reibungslos und fachgerecht ausgeführt werden konnten.


1937: Abmahnung vom OB Lahmeyer, weil Seidels Frau in einem jüdischen Geschäft

kaufte. Lahmeyer erfüllte seine Pflicht. „Ich nahm es ihm nicht übel.“


Er berichtete auch, dass Freundschaften in Gefahr waren, da man ihn als Nichtparteimitglied nicht grüßte und ein Zusammentreffen vermied.


Am 17. April 1935 wurde Seidel offiziell dem Dezernenten für Eingemeindungs-angelegenheiten zugeteilt, war aber der Mitarbeiter des OB oder wie er sich ausdrückte, der „Adjudant“ Lahmeyers und führend in den Eingemeindungsverhandlungen tätig. Belobigung Lahmeyer folgte im Juni 1936.


Gleichzeitig wurde er mit dem Aufbau der Wehrwirtschaftspolitischen Abteilung

betraut, die dem Oberbürgermeister unterstand. Diese Mitarbeiter wurden von ihm auch als Oberbürgermeister ab Mai 1945 beschäftigt.


Die vielfältigen Aufgaben sind im Buch aufgeführt. Diese Abteilung rettete zehntausende Menschen nach den großen Luftangriffen das Leben.


Tochter Eleonore (geb. 1920) wollte 1941 unbedingt einen Halbjuden heiraten und wurde sogar in Berlin (Büro Hess) vorstellig. Vier Wochen später rief ihr Vater bei ihr in der AOK an, wo sie dienstverpflichet war und teilte ihr mit, dass die heirat genehmigt sei,

Rückfrage. „Ist da sicher? Seidel: Ja, kein Irrtum möglich. Der RP hat mir die Genehmigung vorgelesen.“


Lesung aus dem Buch

Bei Thalia, Obere Königsstraße mit der Sekretärin Seidels von 1935 - 1954, links, Erika Ritschel, Felicitas Linnenkohl, Großnichte Willi Seidels.

Neujahr 1945 Ein Fliegerangriff zwang ihn einen Behelfsbunker aufzusuchen.

Die Schicksalsnacht vom 22. auf den 23. Okt. 1943

Willi Seidel ging nach der Entwarnung durch die Stadt und war erschüttert von der totalen Zerstörung der Stadt.

4.April 1945 das Kriegsende, Einmarsch der Amerikaner, Kassel war eingeschlossen von US-Truppen. Kapitulation am Weinbergbunker.

Schwerpunkte

Die Darstellung der Arbeit der Stadtverwaltung beginnt mit dem Einmarsch der Amerikaner und dem tiefsten Stand in der durch den Krieg entstandenen Rückwärtsentwicklung der Stadt auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. Der Tiefststand war gekennzeichnet durch den Stillstand jeder geordneten Tätigkeit, durch zerstörte Industrieanlagen, zerstörte Läden und Geschäfte, zerstörte Wohnungen, eine zahlenmäßig um 2/3 verminderte Bevölkerung und durch das Fehlen jeder öffentlichen Verwaltung . Für die Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse auf dem Gebiet der Ernährung standen keine Vorräte zur Verfügung, so dass die Bevölkerung größten Nöten und Entbehrungen ausgesetzt war.


Die amerikanische Besatzungsmacht leitete erste Schritte ein zur Herbeiführung geordneter Verhältnisse.

  1. Einsetzen eines kommissarischen Oberbürgermeisters,

  2. Demokratisierung der Stadtverwaltung mit einer Umformung des Verhältnisses zwischen Verwaltung und des Bevölkerung und einschneidende Änderungen persönlicher Art brachte.

  3. Die endgültige Beseitigung der durch den Krieg hervorgerufenen Schäden und der Wiederaufbau der Stadt, der Jahrzehnte in Anspruch nahm.


Die Arbeit im Rathaus bis zur ersten Stadtverordneten-Versammlung am 26.Mai 1946 übernahm ein überparteilicher Ausschuss die Arbeit, der über alle wichtigen Angelegenheiten beratend und beschließend mitwirkte. Daneben waren einzelne Kommissionen ins Leben gerufen, die bestimmte Angelegenheiten zu erledigen hatten.


Im Buch werden die Stationen des Wiederaufbaus ausgeführt.


Kapitel 10 Chronik der Jahre 1945 bis 1951;


Kapitel 11 Wiederaufbau aus der Sicht der Stadträte


Der Eebnisse der Wiederaufbauarbeit der Stadtverwaltung ,Bericht aus 1951/1952

der Dezernenten


Die Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht


Proklamation Nr. 2 Aufteilung der amerikansichen Zone in Groß Hessen, Württemberg – Baden und Bayern

und Gesetz Nr.8 (Verbot der Beschäftigung von Mitgliedern der NSDAP...)


Wahlen und Wiederaufbau unter amerikansicher Verwaltung


Schnittstellen des Wiederaufbaus – Aufbauplanung

  1. Die Währungsreform

  1. Höhepunkt des Wiederaufbaus wurde die von Seidel initierte Bundesgartenschau und documenta 1955


Ehrungen für die geleistete Arbeit für Kassel:

Ehrenbürgerrechteder Stadt,

Großes Verdienstkreuz,

Karl Schomburg Plakette zum 75. Geburtstag

Willi Seidel Haus 23.10.1985 Haus der Jugend zum 100.Geburtstag Willi Seidels.

Ehrengrab der Stadt Kassel,


Schlußbemerkung

Der Weg Willi Seidels als Beamter in führenden Funktionen der Stadtverwaltung wurde von politischen Ereignissen begleitet, die für ihn prägend waren und deutlich machen sollen, dass er der Partei Hitlers ablehnend gegenüberstand, weil er als Stadtverordneter und später als Stadtverwaltungsdirektor die Parteifunktionäre erlebte.

Er konnte auch genau beobachten, wie sich die nationalen Parteien verhielten und wie seine eigene Partei immer mehr in den Sog der Nationalsozialisten begaben.

Die Weltwirtschaftskrise mit einem Millionenheer von Arbeitslosen, das Chaos auf den Straßen mit den Auseinandersetzungen zwischen rechts und links und das Unvermögen der Parteien an einer Lösung zu arbeiten, brachten auch Willi Seidel dazu, dass ein Ausweg gefunden werden musste.

Nach der Machtübernahme Hitlers am 30.Januar 1933 beantragte er seine Versetzung in das Versicherungsamt,da es sicher war, dass er das wichtige Haupt und Personalamt der NSDAP überlassen musste. Bürgermeister Lahmeyer wurde am 24. März nachdem er in die NSDAP eingetreten war, Oberbürgermeister und befürwortete seine Versetzung als Leiter des Versicherungsamtes, was Mitte Mai erfolgte, nachdem sein Nachfolger von ihm eingearbeitet

wurde. Alles nach Vorschrift.


Seidel konnte auch ruhig in die Zukunft sehen, da er schon 1927 seinen höchsten Verwaltungsdienstgrad erreicht hatte.


Nachdem – wie er schreibt – sich die Situation beruhigt hatte, holte ihn Oberbürgermeister Lahmeyer wieder zu sich, da er kein Amt als Leiter übernehmen konnte, als „Adjudant“,

um die Eingemeindungen der Vorstadtgemeinden und den Aufbau einer Wehrwirtschftspolitischen Abteilung duchzuführen, die den Auftrag hatte einen Katastrophenschutzplan auszuarbeiten.


Diese besondere Herausforderung reizte den Verwaltungsexperten. Obwoh er wusste, dass alle Pläne auf einen bevorstehenden Krieg deuteten. Die allgemeine Stimmung in Deutschland und die große Übereinstimmung der Bevölkerung mit dem „Führersystem“ versperrten ihn den Weg, sich gegen diese Aufgabenzuteilung zu stellen, zumal jetzt endlich wieder seine Verwaltungsqualitäten gefordert waren.

Diese Sonderstellung neben dem Oberbürgermeister verdrängten alle Bedenken und schmeicheten ihm. Das wurde erst anders als er eine Abmahnung bekam, weil seine Frau bei „Juden“ kaufte. wandelte sich zusehens in der Kriegszeit als seine Tochter sich in einen Halbjuden verliebte und ihre Heirat genehmigt bekam. Eine Genehmigung, die als große Ausnahme gewertet werden kann und sicher den guten Leumund und Leistung des Vaters zu danken war.


2017

Nach Rückfragen in der Familie Seidel wurde festgestellt, dass kein Familienmitglied der NSDAP angehörte. Es wurde auch nicht mit Kindern aus Nazifamilien gespielt.

Willi Seidel galt innerhalb seiner Familie und sicher auch bei seinen Kollegen als ruhigen Mann mit großer Ausstrahlung, der gewohnt war sachbezogen und offen zu diskutieren.

Diese Eigenschaften überzeugten auch seine Mitarbeiter, die alle gern für ihn arbeiteten und vor allen Dingen die amerikanischen Stadtkommandanten mit denen er gut zusammenarbeitete und so gezielt den Wiederaufbau der Stadt gewährleisten konnte. Und letztlich bescheinigten SPD Mitglieder, die unter dem Naziregime im KZ waren, eine einwandfreie Haltung, wo keine NS-Vergangenheit zu sehen war, vielmehr, dass er auch unter dem Regime gelitten hatte.


Aber über allen stand der Beamte in treuer Pflichterfüllung für die Bürger der Stadt.

Im Buchhandel erhältlich: Thalia, Obere Köningsstraße 30 und bei Vietor Ständeplatz,

Kaufpreis 34.80 €